Digitaler, kleinerer Aufsichtsrat, Unabhängigkeit von Politik – seit Jahren wird diskutiert was falsch mit dem ORF ist und wie man es fixen könnte. Von 10. bis 11. September 2026 fand das ORF Zukunftsforum statt und es gibt einige konkrete Ideen, die dem ORF tatsächlich guttun könnten. Aber mal von vorne. [1][2][3]

Im Kern werden die immer gleichen Fragen diskutiert: Wer soll den ORF kontrollieren, wer soll dafür bezahlen und wie groß darf der ORF im Internet werden?

Dabei musst du heute gar keinen Fernseher einschalten, um dem Angebot vom ORF zu begegnen. Egal ob die ZiB auf TikTok, ein Interview auf Insta, oder YouTube. Junge Menschen nutzen Medien anders als Generationen davor – nicht übers Fernsehen.

Gerade der Nachrichtenkonsum und der Stellenwert großer Medienhäuser hat sich in den letzten Jahren stark geändert. Genau das ist eine der Herausforderungen für den ORF, denn der gesetzliche Auftrag des Österreichischen Rundfunks wirkt mittlerweile veraltet und aus einer Zeit, wo noch Radio und Fernsehen das modernste Medium waren. [5][6]

 

Was ist die ORF Zukunftsreform?

Die Zentrale Frage: Wie müsste ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk aussehen, der auch in einigen Jahren noch relevant ist? - wurde am 10. und 11. September im Zukunftsforum von rund 200 Teilnehmer:innen verschiedenster Bereiche, wie Politik, Medien, Wissenschaften, Sport, Kultur sowie der Zivilgesellschaft diskutiert.

Die zentralen Empfehlungen:

  • Der ORF soll mehr Inhalte für das Internet produzieren
  • Der Stiftungsrat könnte von 35 Personen auf einen professionellen Aufsichtsrat mit ungefähr neun Personen ersetzt werden und anstatt einer Generaldirektorin, oder eines Generaldirektors soll ein Vorstand den ORF führen.
  • KI soll teil des gesetzlichen Auftrags werden.

Wichtig: Das Zukunftsforum ist aber kein Gesetz, sondern erstmal nur eine Empfehlung, die die politische Diskussion zur ORF-Gesamtreform weiter anstoßen soll.[2][3][4][8]

Der ORF soll dorthin, wo sein Publikum ist

Online-first und Online-only gehörten unter anderem zu den Empfehlungen der Arbeitsgruppe „Jugend und Medienkompetenz”. In Deutschland gibt es ein solches Angebot seit Jahren: Auf funk entwickeln ARD und ZDF mehr als 60 Video- und Audioformate speziell für junge Menschen. [2][3]

Von der Arbeitsgruppe empfohlen werden mehr Angebote für und mit jungen Menschen sowie stärkere Programme zur Medienkompetenz. Für junge Menschen könnte genau das die sichtbarste Veränderung der gesamten Reform werden: Ob öffentlich-rechtliche Inhalte künftig selbstverständlich dort stattfinden dürfen, wo junge Menschen ihre Nachrichten, Videos und Unterhaltung tatsächlich konsumieren. [3][5][6]

Genau hier beginnt aber leider auch der Konflikt.

 

Mehr ORF im Netz bedeutet auch mehr Konkurrenz

Der ORF ist im Internet nicht allein. Dort konkurriert er mit Zeitungen, Privatsendern, Podcasts, kleinen Online-Medien und anderen österreichischen Angeboten um dieselbe knappe Ressource: Aufmerksamkeit.

Für private Medien ist ein stärkerer digitaler ORF deshalb auch nicht nur positiv, denn einerseits kann ein öffentlich-rechtliches Angebot den österreichischen Journalismus auf Google, YouTube, TikTok oder Meta stärken. Andererseits tritt somit auch ein öffentlich finanzierter Anbieter gegen Medienunternehmen an, die sich stärker über Werbung, Abos und andere Markteinnahmen finanzieren müssen. [4][5]

Im Zukunftsforum versucht man diesen Widerspruch mit einem ungewöhnlichen Ansatz zu lösen: mehr Konkurrenz und mehr Zusammenarbeit gleichzeitig.

So wird beispielsweise vorgeschlagen, Inhalte stärker zu teilen und die Nutzung des ORF-Archivs auszuweiten. Eine gesetzliche Kooperationsverpflichtung und ein gemeinsamer digitaler Marktplatz für österreichische Publisher, eine KI-Allianz und ein sogenannter Digital Quality Hub, in dem Medien gemeinsam experimentieren und neue Produkte entwickeln könnten. [3][4]

ORF und Privatmedien bleiben somit zwar Konkurrenten. Gegenüber internationalen Plattform- und Technologiekonzernen haben sie aber teilweise dieselben Probleme und Interessen. [3][4][5]

 

KI joined the Chat

In der Arbeitsgruppe zu “Digitalisierung und Plattformen” wurde ein gesetzlicher KI Auftrag diskutiert, der gemeinsame Infrastruktur, gemeinsame Daten und Kooperationsmodelle schaffen soll. Dahinter steckt die Frage, wie öffentlich-rechtliche und private österreichische Medien mit einer Technologie umgehen, die schon heute beeinflusst, wie Inhalte produziert, verbreitet und gefunden werden.

Die ORF-Reform ist in Wirklichkeit also längst keine Diskussion mehr darüber, ob es ein paar Fernsehsendungen mehr oder weniger geben soll. Es geht darum, welche Rolle ein öffentlich finanziertes Medium in einer digitalen Informationslandschaft spielen soll. [1][3][4][5]

 

Aus 35 könnten neun werden

Der Stiftungsrat besteht aus 35 Mitgliedern und entscheidet über die wichtigen Unternehmensfragen der ORF. Beispielsweise bestellt er die Generaldirektorin oder den Generaldirektor.

Das Zukunftsforum schlägt einen Umbau des Aufsichtsrats vor: Ein professioneller Aufsichtsrat mit ungefähr neun Personen. Auch die Alleingeschäftsführung (Generaldirektor:in) soll verschwinden, der ORF soll künftig durch einen mehrköpfigen Vorstand geführt werden. [7][8][3][4]

 

Aber wer bestimmt diese neun Menschen?

Nur weil der Aufsichtsrat kleiner werden würde heißt das noch lange nicht, dass dieser auch unabhängiger werden würde. Die Forderung nach Unabhängigkeit und weniger Einflussnahme der Politik steht bei der Kritik gegen den ORF seit Jahren im Mittelpunkt. Entscheidend ist, wie seine Mitglieder ausgewählt werden und wie viel Einfluss Bundesregierung, Parteien oder andere Gruppen auf ihre Bestellung bekommen. Wie genau das dann in einem neuen ORF-Gesetz aussehen könnte, ist noch nicht entschieden.

Dass diese Frage relevant ist, zeigt die jüngere Vergangenheit. Der Verfassungsgerichtshof erklärte 2023 Teile der damaligen Regeln für Stiftungs- und Publikumsrat für verfassungswidrig. Die Bundesregierung konnte damals neun Mitglieder des Stiftungsrats bestellen, der Publikumsrat nur sechs. Für den VfGH war entscheidend, dass keinem staatlichen Organ ein einseitiger Einfluss zukommen darf, der Unabhängigkeit und Pluralismus gefährdet. Dabei ging es nicht darum, dass Politik komplett aus der Zusammensetzung der Gremien verschwinden soll. Entscheidend ist, dass kein staatliches Organ einen einseitigen dominierenden Einfluss auf die Gremien erhalten kann. [1][7]

 

Wer bezahlt den ORF?

Macht funktioniert beim ORF aber nicht nur über Gremien, sondern auch über Geld. 15,30 Euro im Monat beträgt der bundesweite ORF-Beitrag - In einigen Bundesländern kommt noch eine Landesabgabe dazu.

Genau diese Abgabe und ihre Höhe ist oft in aller Munde – daher stellt sich die Frage: Wie finanziert man einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk so, dass seine Finanzierung möglichst wenig als politisches Druckmittel eingesetzt werden kann? [11][12]

Die ÖVP hat kurz vor dem Zukunftsforum zwei Möglichkeiten vorgeschlagen. Entweder bleibt der Beitrag bestehen, wird bei einem enger gefassten ORF-Auftrag aber reduziert. Oder die Haushaltsabgabe wird durch eine langfristig abgesicherte Finanzierung aus dem Bundesbudget ersetzt. [9]

Die SPÖ hält derzeit stärker am Beitragsmodell fest. Medienstaatssekretärin Michaela Schmidt bezeichnete die Haushaltsabgabe im Juni als gute Lösung für eine ausreichende und staatsferne Finanzierung und warnte vor einer stärkeren Abhängigkeit vom Staat bei einer Budgetfinanzierung. [10]

Die NEOS sind ebenfalls skeptisch gegenüber einer direkten Budgetfinanzierung, sie wollen den bestehenden Beitrag aber nicht erhöhen. Dazu müsse erst klarer definiert werden, welchen öffentlich-rechtlichen Auftrag der ORF überhaupt erfüllen soll. [10]

Die FPÖ verfolgt dagegen ein grundsätzlich anderes Modell: Die Haushaltsabgabe soll abgeschafft werden und ein deutlich schlankerer ORF soll über einen mehrjährigen Rahmen aus dem Bundesbudget finanziert werden. [10]

Auf den ersten Blick scheint die Frage damit einfach: Beitrag oder Budget? – so easy ist es aber dann doch leider nicht.

 

Warum Budgetfinanzierung kein Tabu ist

Die  EU schreibt Österreich nicht vor, ob der ORF über einen Beitrag oder das Budget finanziert werden muss. Entscheidend ist laut “European Media Freedom Act”, dass die Finanzierung ausreichend, nachhaltig und vorhersehbar ist.

Ein ORF aus dem Staatsbudget wäre nicht automatisch politisch abhängig. Entscheidend wäre, wie dieses Modell gebaut wird. Wird die Finanzierung über längere Zeit abgesichert? Nach welchen Kriterien verändert sie sich? Und wie einfach könnte eine Regierung die Mittel später reduzieren?

Umgekehrt ist auch der heutige ORF-Beitrag nicht völlig losgelöst von der Politik. Seine Höhe und die gesetzlichen Regeln werden schließlich ebenfalls politisch beschlossen. [9][11][12]

Ab 2027 fallen Bundeszahlungen von rund 93 Millionen Euro jährlich an den ORF weg. Gleichzeitig wurden andere finanzielle Spielräume erweitert – das Beispiel zeigt trotzdem, wie stark politische Entscheidungen die Finanzierung des ORF verändern können. [12][13]

Die Frage lautet also: Wie leicht kann eine Regierung die Finanzierung verändern?

 

Was für einen ORF wollen wir eigentlich?

Soll der ORF möglichst viele Menschen mit Nachrichten, Unterhaltung, Sport, Kultur und digitalen Angeboten erreichen? Oder soll er sich stärker auf jene Bereiche konzentrieren, die private Medien nicht ebenso anbieten können? [3][9]

Die ÖVP will den öffentlich-rechtlichen Auftrag stärker fokussieren. Auch NEOS wollen klarer definieren, welche Leistungen tatsächlich Teil des Public-Service-Auftrags sein sollen. Die Arbeitsgruppen des Zukunftsforums sprechen dagegen grundsätzlich für ein attraktives Angebot für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und gleichzeitig mehr digitale Möglichkeiten.

Diese Diskussion entscheidet über fast alles andere, denn ein breiter ORF braucht mehr Geld. Er kann mehr Menschen und Zielgruppen erreichen – konkurriert aber auch in mehr Bereichen mit privaten Medien.

Ein deutlich kleinerer ORF hingegen könnte weniger kosten und den privaten Markt weniger berühren. Dafür müsste man aber auch auf Inhalte oder Zielgruppen im öffentlich-rechtlichen Angebot verzichten. [3][9][10]

 

Wohin geht es nun?

Das Zukunftsforum hat überraschend viele Antworten darauf geliefert, wie ein modernerer ORF aussehen könnte: Mehr Online-first und Online-only. Ein kleinerer Aufsichtsrat. Ein Vorstand statt einer einzelnen Generaldirektion. Mehr Zusammenarbeit mit privaten Medien. Ein gesetzlicher Auftrag für KI. [2][3][4]

Aber die schwierigeren Fragen hat das Forum nicht beantwortet:

  • Wer bestellt den neuen Aufsichtsrat?
  • Wie breit soll der Auftrag des ORF sein?
  • Wie viel Konkurrenz darf er privaten Medien machen?
  • Und wer entscheidet darüber, wie viel Geld er bekommt?

 

Vielleicht ist deshalb nicht die entscheidende Frage, ob der ORF reformiert wird. Dass sich etwas ändern soll, scheint inzwischen weitgehend Konsens zu sein. Die spannendere Frage lautet: Wer will welchen ORF – und warum? [1][7][9][12]

 

Quellen

[1] Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport – Beteiligungsprozess ORF-Zukunftsforum
Offizieller Ablauf des Prozesses, rund 200 Teilnehmer, fünf Arbeitsgruppen und anschließende politische Verhandlungen.
BMWKMS – Beteiligungsprozess ORF-Zukunftsforum

[2] ORF-Zukunftsforum 2026 – Tag 2 / offizielles Programm
Aufzeichnung des zweiten Forumstags; ab 11:20 Uhr Präsentation der Ergebnisse der fünf Arbeitsgruppen. Das BMWKMS hatte die Übertragung über ORF ON und ORF III offiziell angekündigt.
Joyn – ORF-Zukunftsforum 2026, Tag 2
BMWKMS/OTS – Programm des Zukunftsforums

[3] Salzburger Nachrichten / APA – „Vorstand statt General: Anregungen für ORF-Gesamtreform“
Zusammenfassung der Arbeitsgruppenergebnisse zu Online-first/Online-only, Jugend, KI, Vorstand, Aufsichtsrat und Kooperationen.
SN – Vorstand statt General

[4] Salzburger Nachrichten – „ORF-Stiftungsrat steht vor dem Aus“
Ausführliche Darstellung der Ergebnisse, darunter Kooperationsverpflichtung, digitaler Marketplace, KI-Allianz und Digital Quality Hub.
SN – ORF-Stiftungsrat steht vor dem Aus

[5] ORF – „Ein ORF für morgen“ / ORF.at zur digitalen Zukunft
Strategische Position des ORF zu digitalem Public Service, technologischem Wandel, KI und erweiterten digitalen Möglichkeiten.
ORF – Ein ORF für morgen
ORF.at – Thurnher hofft auf Zeitenwende

[6] Ö1 – „Auf der Suche nach der Coolness“
Junge Zielgruppen, das deutsche Angebot funk, Online-only und bestehende gesetzliche Beschränkungen für digitale ORF-Angebote.
Ö1 – Auf der Suche nach der Coolness

[7] Verfassungsgerichtshof – ORF-Gesetz und Gremien
VfGH-Entscheidung von 2023 zu Unabhängigkeit, Pluralismus und staatlichem Einfluss bei Stiftungs- und Publikumsrat.
VfGH – ORF-Gesetz und Gremien

[8] ORF.at – „Stiftungsrat bestellt neue Führung“
35 Mitglieder, Zusammensetzung des Stiftungsrats und seine Rolle bei der Bestellung der ORF-Spitze.
ORF.at – Stiftungsrat bestellt neue Führung

[9] ORF.at – „ÖVP überlegt Budgetfinanzierung des ORF“
ÖVP-Vorschläge zu engerem Auftrag, niedrigerem Beitrag beziehungsweise Budgetfinanzierung, Aufsichtsrat und Vorstand.
ORF.at – ÖVP überlegt Budgetfinanzierung

[10] Parlament Österreich – ORF-Reform und Finanzierung, 25. Juni 2026
Positionen von SPÖ, FPÖ, NEOS und Grünen: Haushaltsabgabe, Budgetfinanzierung und Reform des ORF.
Parlament – ORF: Schmidt kündigt Reformprozess an

[11] ORF-Beitrags Service – aktueller ORF-Beitrag
15,30 Euro pro Monat österreichweit; in einzelnen Bundesländern zusätzliche Landesabgaben.
OBS – ORF-Beitrag und Landesabgaben

[12] European Media Freedom Act – Verordnung (EU) 2024/1083
Artikel 5: transparente und objektive Finanzierung sowie angemessene, nachhaltige und vorhersehbare Mittel zum Schutz der redaktionellen Unabhängigkeit.
EUR-Lex – European Media Freedom Act

[13] Parlament Österreich – „ORF verliert Kompensationszahlungen“
Wegfall von rund 93 Millionen Euro jährlich ab 2027; zugleich höhere Rücklagenschwelle und Entnahmemöglichkeiten von bis zu 35 Millionen Euro jährlich unter Bedingungen.
Parlament – ORF verliert Kompensationszahlungen